Zentrum für Methoden der Sozialwissenschaften

Einheit in der Vielfalt? Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas

Die Trasjanka in Weißrussland – eine „Mischvarietät“ als Produkt des weißrussisch-russischen Sprachkontakts. Sprachliche Strukturierung, soziologische Identifikationsmechanismen und Sprachökonomie
 

Projektleitung:
Prof. Dr. Bernhard Kittel
Prof. Dr. Gerd Hentschel

Projektmitarbeiter:
Dipl. Soz. Diana Lindner
 

Projektlaufzeit:
09/2008 - 09/2011
 

Beschreibung:

Das Teilprojekt soziologische Identifikationsmechanismen und Sprachökonomie untersucht unter sprachsoziologischer und sprachökonomischer Perspektive die nationale Identitätsbildung von Trasjanka-Sprechern in Weißrussland. Trasjanka bezeichnet die „gemischte“ Rede, bei der sich weißrussische und russische Elemente in der Sprache abwechseln. Die Trasjanka wird in der Öffentlichkeit häufig entweder als „verdorbenes Russisch“ oder als „verdorbenes Weißrussisch“ stigmatisiert. Die Sprache bzw. die in Weißrussland verwendeten Sprachen haben einen hohen symbolischen Wert und korrelieren auch mit politischen Grundausrichtungen. Während erklärte Befürworter des Weißrussischen in der Regel auch eine europäische, westliche Orientierung eines unabhängigen weißrussischen Staates gutheißen, bevorzugen Befürworter des Russischen als zweiter Staatssprache vielfach eine politische Orientierung auf Russland, bis hin zur Integration Weißrusslands in einen gemeinsamen Staat.

Im Einzelnen werden deshalb folgende Fragen beantwortet: Spielt die Trasjanka eine identitätsstiftende Rolle, und wenn ja, um welche Art der Identität handelt es sich hier? Um eine nationale oder soziale? Unter welchen sozialen Bedingungen wird Trasjanka erlernt? Geht es um eine „Kompromissbildung“, in welcher versucht wird, den Antagonismus zwischen dem partikularen national-weißrussischen Moment und dem „integrativen panrussischen“ Moment durch eine Hinwendung zum Russischen, jedoch unter Bewahrung einer „arealen“ weißrussischen Identität aufzulösen? Oder ist in der Trasjanka nicht mehr als ein Phänomen des Sprachwechsels vom Weißrussischen zum Russischen zu sehen nach Prinzipien der „politischen Ökonomie“ der Sprachverwendung, der sich ähnlich wie in anderen Fällen im zeitlichen Rahmen von drei Generationen vollzieht?

Für die Generierung von Daten ist unter Zusammenarbeit mit der Universität Minsk eine Befragung von ca. 1500 Bewohnern Weißrusslands geplant. Die regionale Verteilung soll sich über 7 Städte Weißrusslands und ihrer Umgebung erstrecken, die über das Gebiet des Landes verteilt sind und in denen die Trasjanka aus der Sicht der Sprachwissenschaft verbreitet ist. Die Stichprobe soll weiterhin alle Generationen der Trasjankasprecher repräsentieren, um die Verwendung der Sprache in ihren verschiedenen Kontexten auch in Abhängigkeit von der jeweiligen politischen und nationalen Sozialisation erfassen zu können.

Der Fragebogen  erhebt zum einen Daten zum sozialen Kontext, in dem Trasjanka gesprochen wird (Öffentlichkeit, Familie, Freunde usw.), zur sprachlichen und regionalen Sozialisation, zum anderen wird die Ausprägung der nationalen Identität und der Grad der Identifikation mit Trasjanka, die Einstellung zum Weißrussischen und Russischen sowie auch des Polnischen.